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„Es fehlt eine einheitliche Strategie, um Verbesserungen durchzusetzen“

Friedel Hütz-Adams

Dr. Christiane Hellar

Die Arbeits- und Einkommensbedingungen im Kakaoanbau sind trotz einer Vielzahl an Multistakeholder- und Collective-Action-Initiativen so schlecht, dass die Rohstoffsicherheit als ernsthaft gefährdet gelten muss. Das Veränderungspotenzial hin zu mehr Nachhaltigkeit ist groß, bleibt aber meist ungenutzt – Verbesserungen für die Farmer gibt es kaum. Dieses Fazit ziehen die Autoren der Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik in der Studie „Kakao. Eine ethische Risikoanalyse“, dem gerade erschienenen zweiten Band der Reihe era-paper. Über die Hintergründe der Recherche, die Situation auf den Kakaofeldern und die Frage, ob man überhaupt noch reinen Gewissens Schokolade kaufen kann, haben wir mit der Projektverantwortlichen Dr. Christiane Hellar (Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik) und dem Branchenexperten Friedel Hütz-Adams (Südwind-Institut) gesprochen.

Kinderarbeit auf Kakaofarmen ist seit Jahren ein großes Thema, doch über konkrete Fortschritte hört man wenig. Wie groß ist heute die Gefahr, dass in der Schokolade, die ich in einem deutschen Supermarkt kaufe, Kinderarbeit steckt?

DR. CHRISTIANE HELLAR: Leider ist die Gefahr weiterhin extrem groß – und das, obwohl die Mehrzahl der Unternehmensprojekte auf die Bekämpfung von Kinderarbeit abzielt und auch die Regierungen der Produzentenländer sich diesem Ziel verschrieben haben. Offensichtlich ist es so, dass das Problem der Kinderarbeit eng mit der Gesamtlebenssituation der Kakaofarmer zusammenhängt. Beides lässt sich daher nicht losgelöst voneinander behandeln.

FRIEDEL HÜTZ-ADAMS: Und trotz aller Anstrengungen tut sich bei den Lebensumständen kaum etwas, obwohl alle vorhandenen Studien belegen, dass sich die Einkommenssituation der Familien verbessern muss, um die Kinderarbeit wirksam zu reduzieren. Darüber hinaus müssen die Regierungen in mehr und bessere Schulen investieren. Beides geschieht in Ansätzen, aber es ist noch viel zu wenig.

Eine zentrale Botschaft des era-papers ist die Gefährdung der Rohstoffsicherheit als Folge schlechter Arbeitsbedingungen und des niedrigen Einkommens der Farmer. Sie haben sich beide selbst ein Bild in Afrika gemacht. Wie muss man sich die Verhältnisse dort vorstellen?

HÜTZ-ADAMS: Die Bäuerinnen und Bauern arbeiten in der Regel auf relativ kleinen Flächen. Meistens sind es nur zwei bis drei Hektar. Die Produktivität ist niedrig, meist nur 400 bis 500 Kilogramm getrocknete Kakaobohnen pro Hektar. Die Kakaoproduktion ist sehr arbeitsaufwändig, und deshalb ist der Weltmarkt beim derzeitigen Preis auf billige Arbeitskräfte angewiesen. Und die Bäuerinnen und Bauern stehen vor dem Problem, dass sie nicht ohne weiteres auf andere Produkte ausweichen können.

DR. HELLAR: Dass sich die Kakaofarmer weitgehend in dieser Produktabhängigkeit befinden, hat viel damit zu tun, dass der Kakaoanbau nur mit einer gewissen Langfristigkeit betrieben werden kann. Großen Einfluss auf die Lebensbedingungen der Kakaofarmer hat auch die unzureichende Bildungsinfrastruktur, die Friedel ja schon angesprochen hat. Zudem darf man nicht vergessen, wie extrem schlecht der Zustand der Straßen im Landesinneren ist. Die Kakaofarmen sind teilweise sehr schwierig zu erreichen. Für die Farmer selbst bedeutet das eine Einschränkung des Marktzugangs, und es ist ja klar, dass dadurch ihre Verhandlungsposition deutlich geschwächt wird.

Warum profitieren die Farmer andersherum nicht davon, dass die Kakaopflanze sehr sensibel ist und nur unter ganz bestimmten Bedingungen in wenigen Regionen der Erde gedeiht – zumal die Nachfrage stetig steigt?

DR. HELLAR: Es gibt eine starke Machtasymmetrie in dem Markt, die zulasten der Farmer geht. Die gerade genannten Punkte wie fehlende Bildung und eingeschränkter Zugang zu Informationen sind nur einige der Gründe.

HÜTZ-ADAMS: Man muss sich vorstellen, dass die rund 5,5 Millionen Kleinbauern, die weltweit ungefähr 95 Prozent der Ernte einbringen, größtenteils nicht organisiert sind. Sie sind daher nicht dazu in der Lage, innerhalb der Wertschöpfungskette Preise durchzusetzen, die ihre Kosten abdecken und existenzsichernde Einkommen bringen. Sie sind Preisnehmer, müssen also das akzeptieren, was der Weltmarkt als Preis hergibt.

DR. HELLAR: Sie sind häufig weder lokal noch regional oder national organisiert. Das hängt oft auch damit zusammen, dass ihre Interessen unterschiedlich sind. Trotzdem gibt es im Moment Bemühungen, sogar auf internationaler Ebene eine Interessensvertretung von Bäuerinnen und Bauern zu organisieren und damit ihre Position innerhalb der Wertschöpfungskette zu stärken.

HÜTZ-ADAMS: Das ist übrigens auch insofern sehr wichtig, als es im weiteren Verlauf der Wertschöpfungskette auf allen Stufen einige wenige große Unternehmen gibt, die gemeinsam den Markt beherrschen. Zwar stehen sie alle unter enormem Preisdruck, aber letztlich geben sie den Druck nach unten weiter. Und dort trifft es eben die Schwächsten in der Kette, die Bäuerinnen und Bauern.

Aber die Schokoladenhersteller müssen doch ein Interesse daran haben, dass ihnen auch in Zukunft ausreichend Kakao für ihre Produktion zur Verfügung steht. Wäre es nicht an den Unternehmen, die Situation der Farmer zu verbessern – und ist die Kritik, die zum Beispiel von NGOs an einigen Konzernen geübt wird, also berechtigt? 

DR. HELLAR: Unternehmen haben durchaus genau dieses Interesse und sind auch sehr stark dabei, sich für die Verbesserung der Lebensbedingungen der Farmer einzusetzen. Erst haben einige Unternehmen es allein mit einzelnen Projekten versucht, dann hat man gemerkt, dass ein gemeinschaftliches Vorgehen zusammen mit anderen Stakeholdergruppen notwendig ist, um branchenweite Veränderung zu erzielen. Allerdings steht einem echten Austausch über Erfolge und Misserfolge bei den Projekten und einem tatsächlichen Datasharing noch immer viel zu oft die Angst vor der Konkurrenz im Wege.

HÜTZ-ADAMS: Außerdem muss man sehen, dass es innerhalb der Unternehmen keinerlei Mechanismen gibt, um eine nachhaltige Preisgestaltung durchzusetzen. Es kann passieren, dass die eine Abteilung innerhalb des Unternehmens Millionen ausgibt, um Projekte für Bäuerinnen und Bauern zu fördern, während zugleich die andere Abteilung versucht, möglichst billig Kakao zu kaufen. Im Moment erzählen mir zum Beispiel Unternehmensvertreter, dass der Absturz der Kakaopreise eine Katastrophe sei. Gleichzeitig sieht sich dasselbe Unternehmen nicht dazu in der Lage, für den Kakao schlicht und einfach mehr zu bezahlen. Schließlich wissen die Unternehmen nicht, wie sich die Wettbewerber am Markt verhalten, haben Angst vor einem Nachteil im Wettbewerb, wenn sie freiwillig mehr zahlen - und warten daher erst einmal ab, selbst wenn der meist eher geringe positive Einfluss ihrer Projekte auf die Situation der Bäuerinnen und Bauern dann konterkariert wird.

Der aktuelle Preisverfall beim Kakao scheint in krassem Widerspruch zu der Annahme zu stehen, die Rohstoffsicherheit sei gefährdet. 

HÜTZ-ADAMS: Es gibt in diesem Jahr eine ganz leichte Überproduktion am Markt, nach den letzten Schätzungen 264.000 Tonnen. Nun könnte man sagen, das gleicht gerade mal das Defizit des letzten Jahres aus, das waren damals knapp 200.000 Tonnen. Trotzdem ist es so, dass die kleine Überproduktion zu einem massiven Preisverfall geführt hat. In den Jahren davor hat es Versorgungsdefizite gegeben. Die Unternehmen haben darauf reagiert, indem sie trotz wachsendem Schokoladenumsatz weniger Kakao verarbeitet haben. Die Unternehmen sind da wesentlich flexibler als Bäuerinnen und Bauern, denn sie können Rezepturen verändern. Was lege ich beispielsweise als Sonderangebot in die Regale der Supermärkte, eine Vollmilchschokolade oder die 300-Gramm-Tafel Schokolade mit Keksfüllung? Wenn ich Keks dazu nehme, brauche ich viel weniger Kakao, dafür vermehrt die wesentlich billigeren Bestandteile Mehl und Zucker.

Wenn wir uns die Situation der Branche, besonders der Farmer, vor Augen führen: Welchen Rat würden Sie den Konsumenten in Deutschland für ihre Kaufentscheidung geben?

DR. HELLAR: Grundsätzlich sind Label und Zertifikate trotz ihrer Schwachstellen meines Erachtens immer noch eine gute Referenzgröße für einen bewussten, verantwortungsvollen Einkauf. Hilfreich sind außerdem Vergleichsportale, die die Labels hinsichtlich ihrer Glaubwürdigkeit und Reichweite beurteilen.

HÜTZ-ADAMS: Ich sehe das ganz genauso: Die Zertifizierung ist ein hilfreiches Instrument, vor allem im Hinblick auf die weiterführenden Maßnahmen, die zu einer Verbesserung der Organisierung der Bäuerinnen und Bauern führen sollen und in die Richtung, dass der Zugang zu Krediten und zu Sparmöglichkeiten, zu Diversifizierung des Anbaus und anderen Dingen ermöglicht wird. Es ist aber auch klar, dass wir Wirkungsanalysen der Unternehmensprojekte und Zertifizierungsprogramme brauchen. Es muss belegbar sein, dass es den in die Projekte einbezogenen Bäuerinnen und Bauern tatsächlich besser geht. Denn letztendlich müssen wir wieder dahin kommen, dass der gesamte Kakaomarkt nachhaltiger wird und Konsumenten und Konsumentinnen mit gutem Gewissen schlicht und einfach eine Tafel Schokolade kaufen können, ohne sich vorher mit Zertifizierungsansätzen oder Unternehmensprogrammen beschäftigen zu müssen.

In dem era-paper ist auch die Korruption in den Anbauländern ein Thema. Warum ist das ein so großes Problem für die Kakaobranche?

DR. HELLAR: In den beiden Hauptanbauländern Ghana und Côte d`Ivoire, mit denen wir uns im era-paper schwerpunktmäßig beschäftigen, gibt es starke staatliche Strukturen, also Kakaobehörden, die den Kakaomarkt regulieren. Solche Strukturen sind einerseits sehr hilfreich, um Marktversagen oder Marktschwächen aufzufangen, auf der anderen Seite sind sie aber eben höchst anfällig für Korruption, wenn die Mechanismen für Kontrollen und Sanktionen nicht ausreichend sind. 

HÜTZ-ADAMS: Jede Behörde, die große Summen umsetzt, muss transparent organisiert sein, sonst lässt sich Korruption nicht verhindern. Da gibt es beiden Ländern noch erheblichen Spielraum für Verbesserungen. Es kann aber auch auf liberalisierten Märkten zu Korruption kommen. In Nigeria beispielsweise wurde der Export von Kakao jahrelang für betrügerische Geschäfte benutzt. Die Regierung hat für Exporte, die nicht aus Öl bestanden, Subventionen gezahlt. Manche haben das ausgenutzt und sich dieses Geld mit falschen Papieren erschlichen.

Trotz der vielen Probleme wird der Kakaobranche im era-paper ein vielversprechendes Veränderungspotenzial bescheinigt, mit Collective-Action-Initiativen als Schlüssel zum Erfolg. Ungeachtet zahlreicher Aktivitäten hat sich bislang jedoch noch nicht viel getan. Was machen die Akteure falsch, oder was muss passieren, damit sich endlich Verbesserungen einstellen?

DR. HELLAR: In der Studie schauen wir uns die Entwicklung der verschiedenen Initiativen an. Man sieht, dass erst in den letzten Jahren ein tatsächlich gemeinschaftliches und weniger punktuelles und individuelles Vorgehen angestrebt wird. Wir können den Erfolg dieser Initiativen zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht abschließend beurteilen. Aus unserer Sicht ist aber wichtig, dass es je nach Art der Collective-Action-Initiative unterschiedlicher Steuerungsmechanismen bedarf. Und für jede Interessensgruppe gilt, dass sie ihre eigene Agenda, ihre eigene Verantwortung auch in einem gemeinschaftlichen Prozess weiter wahrnehmen muss. Kooperation ja, allerdings immer gepaart mit einer Selbstreflexion über die eigenen Ziele und Motive.

HÜTZ-ADAMS: Und gepaart mit Offenheit, weil der Austausch von Informationen, wer eigentlich was in den Kakaoanbaugebieten macht und welche Auswirkungen das auf die Bäuerinnen und Bauern hat, ein erster wichtiger Schritt wäre. So könnte man voneinander lernen, welche Schritte erfolgversprechend sind. Alle Ansätze im Sektor versprechen so ein Vorgehen, aber es wird bisher nur in ganz vorsichtigen Ansätzen tatsächlich umgesetzt. Gleiches gilt für die Diskussion darüber, was eigentlich von den Regierungen in den Anbauländern zu erwarten ist. Es gibt keine einheitliche Strategie der Unternehmen, es gibt keine Strategien der Unternehmensverbände, um hier Verbesserungen durchzusetzen. Das ist vollkommen unverständlich angesichts der großen Bedeutung, die die Politik in den Regierungen für die Situation der Bäuerinnen und Bauern hat. Innerhalb der Bündnisse und Multistakeholder-Ansätze wird immer wieder darüber geredet, was man von der Politik will, aber getan wurde bislang sehr wenig.

Inwieweit wird sich die Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik weiter in dem Bereich engagieren und welchen Einfluss kann sie ausüben?

HÜTZ-ADAMS: Die Stiftung hat eine wichtige Rolle dabei gespielt, dass die Zivilgesellschaft Einfluss beispielsweise auf die Arbeit des Forums Nachhaltiger Kakao ausüben konnte. Studien wie die neu erschienene, die versuchen, den Umfang dieses Einflusses auszuloten, sind sehr wichtig. Nichtregierungsorganisationen müssen derzeit reflektieren, ob der Weg über freiwillige Multistakeholder-Initiativen tatsächlich der richtige ist, oder ob sie ihre Anstrengungen darauf verlegen sollten, für verbindliche Gesetze einzutreten, also dass strafrechtlich Unternehmen die Einhaltung von Menschenrechten in ihren Wertschöpfungsketten vorgeschrieben wird. Die vorliegende Studie ist ein Hinweis darauf, dass man zumindest im Kakaosektor das eine tun sollte, aber das andere auf keinen Fall lassen darf.

DR. HELLAR: Diese Diskussion voranzutreiben, liegt uns sehr am Herzen. Es besteht leider die Gefahr, dass die zivilgesellschaftlichen Akteure ihrer Verantwortung nicht gerecht werden und vor allem hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Wir sehen das immer wieder auch in anderen Branchen. Insofern hoffen wir, dass das era-paper eine kritische Diskussion und die Selbstreflexion der Akteure fördern wird. Außerdem sind wir weiter in Impact-Projekten aktiv. Wir arbeiten bei der ISO-Norm zu nachhaltigem, rückverfolgbarem Kakao mit und im Beirat der internationalen Kakaofarmer-Initiative World Cocoa Producers Organization.

Wenn wir bilanzieren, dass aufgrund anhaltend schlechter Arbeitsbedingungen sowie angesichts zu erwartender Klimaeffekte künftig eine rückläufige Kakaoproduktion auf eine steigende Nachfrage trifft: Müssen wir davon ausgehen, dass Schokolade in der Zukunft ein nur noch für wenige Menschen erschwingliches Luxusgut sein wird?

HÜTZ-ADAMS: Wenn wir die Ernährungssituation in Deutschland und in vielen anderen Staaten sehen, dann könnte es dazu kommen, dass Kakao deutlich teurer wird und Schokolade ein wenig teurer. Vielleicht müssen wir unseren Konsum also ein bisschen reduzieren, und das hätte dann übrigens positive gesundheitliche Konsequenzen. In Deutschland werden mehr als neun Kilogramm Schokolade pro Kopf und Jahr konsumiert, mehr als 90 Tafeln Schokolade! Etwas weniger zu einem höheren Preis wäre vielleicht für alle Seiten besser und gesünder. Wenn dieser gestiegene Preis dann auch noch bei den Bäuerinnen und Bauern ankäme, hätten alle Seiten etwas davon.

DR. HELLAR: Ich sehe auch nicht, dass Schokolade ein Luxusgut wird, selbst wenn der Kakao deutlich teurer wird. Bislang ist es nicht wirklich absehbar, aber interessant werden meines Erachtens in Zukunft die Entwicklungen sein, die mit Ersatzprodukten für Kakao zu tun haben. Grundsätzlich hätte ich allerdings nichts gegen die Aufwertung des Produkts Schokolade zu sagen, nicht zuletzt um das Bewusstsein für die Kostbarkeit des Rohstoffes Kakao zu schärfen.

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