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Base of the Pyramid

Unternehmen als Entwicklungshelfer?

Nach Angaben der Weltbank leben 2,7 Milliarden Menschen von weniger als 2 US-Dollar pro Tag – fast die Hälfte der Weltbevölkerung ist damit arm. Als Ergänzung zu klassischer Entwicklungshilfe hat sich in den letzten Jahren auch der Privatsektor Armutsbekämpfung vermehrt auf die Fahne geschrieben. Ein Symptom dieses Bewusstseinswandels ist die Entstehung des Global Compact, der 1999 vom damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan ausgerufen wurde. Der Global Compact baut primär auf gemeinnütziges Engagement von Unternehmen - auf Corporate Social Responsibility.

Spätestens seit der Publikation des Aufsatzes „Serving the World’s Poor, Profitably“ im Harvard Business Review im Jahr 2002 fasziniert die Idee, Unternehmertum und Armutsbekämpfung zu verbinden, weite Kreise. In die gleiche Stoßrichtung zielt der Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus mit seinem Konzept „Social Business“. Derartige Nonprofit-Unternehmen sollen Produkte und Dienstleistungen anbieten, die auf die Bedürfnisse der Ärmsten abgestimmt sind.

Mit diesem Forschungsprojekt verfolgte die Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik zwei Ziele: Zum einen sollte Wissen darüber generiert werden, wie Social Entrepreneurs in Märkten an der „Base of the Pyramid“ diejenigen Ressourcen zusammenbringen, die sie benötigen, um ihre Organisation zu gründen. Zum anderen wurde das durch die Forschung generierte Wissen in Form eines Stiftungs-Spin-Offs in die Praxis überführt. Seit Mitte 2010 ist die Fairtrade Sprachschule Glovico online, auf der Lehrer aus Lateinamerika und Afrika ihre Dienste als Sprachlehrer in Spanisch, Französisch und anderen Sprachen via Skype anbieten können. Dadurch soll ihnen ein zusätzliches Einkommen ermöglicht und interkultureller Dialog gefördert werden.

Was ist die „Base of the Pyramid“?

Der Name “Base of the Pyramid”, zu Deutsch "Basis der Pyramide", rührt von dem Bild her, welches sich ergibt, wenn man die Weltbevölkerung nach ihrer Kaufkraft segmentiert. Es zeigt sich dann, dass ein kleiner Teil der Weltbevölkerung mit sehr hoher Kaufkraft ausgestattet ist, ein etwas größerer Teil bereits deutlich weniger Kaufkraft besitzt und fast die Hälfte der Menschheit in Armut lebt und mit weniger als 2 US-Dollar pro Tag auskommen muss.

Welche Beispiele gibt es für Unternehmen an der „Base of the Pyramid“?

Bislang wurde der Teil der Menschheit, der von weniger als 2 US-Dollar am Tag lebt, nicht als Zielgruppe unternehmerischer Tätigkeit wahrgenommen. Diese Perspektive beginnt sich zu verschieben. Eine zentrale Erkenntnis der BOP- Bewegung ist es, dass die Kosten für zahlreiche Produkte und Dienstleistungen in der Umgebung der Armen höher sind als in den Vierteln der Wohlhabenden der sogenannten dritten Welt. So kostet ein lebensnotwendiges Gut wie sauberes Trinkwasser in den Slums mehr als in den reichen Vororten. Auch der Zugang zu Krediten ist ohne Sicherheiten deutlich teurer. Hier Abhilfe zu schaffen und gleichzeitig ein Geschäftsmodell zu entwickeln, ist die unternehmerische Herausforderung.

Ein Beispiel eines multinationalen Konzerns, der in diesem Bereich aktiv ist, ist die Allianz SE, die mittels Mikroversicherungen den Ärmsten der Armen mehr Sicherheit bieten will, beispielsweise im Todesfall des Ernährers einer Familie. Aber auch in den Entwicklungsländern selbst gibt es zahlreiche Unternehmer, die versuchen, einer sozialen Problemlage Abhilfe zu schaffen. So hat eine Gruppe Unternehmer, die auch in der Forschungsarbeit näher betrachtet wird, in der zweitgrößten Stadt in Eritrea eine Water and Sanitation Station aufgebaut. Diese erlaubt Menschen vor Ort gegen ein kleines Entgelt den Zugang zu einem Dusch- und Toilettenkomplex, der weit über den lokalen Hygienestandards liegt. Durch das Entgelt trägt sich das Unternehmen selbst und durch die überdurchschnittliche Hygiene ist es sowohl für die Nutzer sehr attraktiv als auch vorteilhaft für die Gemeinschaft, da Krankheitserreger weniger leicht verbreitet werden.

Welche Fragen verfolgt die Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik mit diesem Forschungsprojekt?

Mit dem Forschungsprojekt sollte herausgearbeitet werden, wie Social Entrepreneurs an der „Base of the Pyramid“ es schaffen, die Ressourcen, die sie für ihr Geschäftsmodell benötigen, zusammenzutragen und so zu organisieren, dass die Organisation nachhaltig agieren kann. Dabei wurde der besondere Einfluss von Subsistenz und Informalität in diesem Marktumfeld betrachtet.

Für das Forschungsvorhaben wurden qualitative Daten auf dreierlei Art und Weise erhoben. Zunächst wurde eine vergleichende Längsschnittstudie von zwei Cases durchgeführt, wobei eines der Unternehmen in Eritrea aktiv ist und eines in Hamburg. Dadurch sollten die spezifischen Ressourcenanforderungen an Social Entrepreneurs in Entwicklungsländern herausgearbeitet werden. Darüber hinaus wurde das Social Business Glovico UG gegründet, das Entwicklungsländer und entwickelte Märkte verbindet, indem es Menschen aus Lateinamerika und Afrika erlaubt, via Skype Sprachkurse in ihrer Muttersprache zu geben. Dadurch wurden die spezifischen Anforderungen erhoben, die sich daraus ergeben, Entwicklungsländer in Zulieferketten einzubinden. In einem dritten empirischen Zugang wurden Interviews mit 15 Ashoka-Fellows aus Westafrika geführt.

Die aus der Forschungsarbeit resultierende Dissertation wurde 2012 publiziert und von Professor Priddat an der Universität Witten/Herdecke betreut.