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Globale textile Produktionsprozesse und transnationales Regieren

Hintergrund

Problematische Aspekte der Verarbeitung textiler Produkte sind bereits seit mehreren Jahren Gegenstand der öffentlichen Berichterstattung. Lange bevor andere Branchen in den Fokus rückten, wurden die Verletzungen von Arbeitsrechten und unmenschliche Bedingungen in textilen Produktionsstätten, zum Großteil in asiatischen Ländern, thematisiert. Neben der sozialen Problematik treten auch vermehrt die ökologischen Auswirkungen sowohl der Stoffveredelung als auch des Rohstoffanbaus in den Blick. So wird der Zusammenhang verschiedener Probleme entlang eines stark globalisierten Wertschöpfungsprozesses für den Konsumenten immer transparenter.

Bereits seit Ende der 1990er Jahre haben sich zahlreiche Initiativen etabliert, die Antworten und Lösungen auf diese Problemlage bieten. Dabei sind diese Initiativen von unterschiedlichen Akteuren gestartet worden und nehmen auch ganz verschiedene Organisationsformen an. Erklärtes Ziel all dieser Organisationen ist es letztlich die textile Wertschöpfung nachhaltiger zu gestalten und damit den Produktionsprozess kontrollierbar und regulierbar zu machen. Ob dies tatsächlich gewollt und eine erfolgreiche Umsetzung das Ziel aller Bemühungen ist oder Formen von Greenwashing vorliegen, ist dabei oft unklar.

Offensichtlich schaffen es jedoch all diese Initiativen mit der Darstellung der Risiken des Wertschöpfungsprozesses, zum einen bestimmte Bilder und Vorstellungen über die herrschenden Problematiken und den globalisierten Raum der Produktion zu generieren und zum anderen Techniken der Kontrolle, Standardisierung und Auditierung zu entwickeln. Erkennbar verfügen die Akteure und die jeweiligen Organisationen über ein erhebliches Machtpotential, denn es werden sowohl spezifische Denkweisen und Rechtfertigungen hinsichtlich einer weltwirtschaftlichen Ordnung und legitimen Produktionsweise etabliert als auch ein Handlungsrahmen geschaffen und normalisiert.

Projektziel

Ziel des Projektes ist es ein Verständnis für diese grundlegenden Prozesse der Etablierung von Denk- und Rechtfertigungsstrukturen und dem damit in Verbindung stehenden Handeln zu bekommen. Im Mittelpunkt steht die Frage, wie der textile Produktionsprozess als regierbarer Raum gesellschaftlich konstituiert wird.

Zur Beantwortung dieser Fragen wird auf den Begriff und das Konzept der Gouvernementalität von Michel Foucault zurückgegriffen. Es erlaubt einerseits die diskursiven Strukturen und Rechtfertigungsnarrative über den Wertschöpfungsprozess zu analysieren und sie andererseits mit den konkreten Techniken der Kontrolle, wie beispielsweise Auditierungsverfahren, in Verbindung zu setzen.

Die Leitfrage des Projekts wird explorativ anhand eines Falles untersucht. Herausgegriffen wird dabei eine Multistakeholderinitiative, in deren Zentrum vor allem der Schutz von Arbeitsrechten und die Verbesserung der Arbeitsbedingungen steht. Aufgrund ihrer Zusammensetzung an Akteuren weist sie im Gegensatz zu anderen Initiativen eine besonders hohe politische Relevanz auf.

Ergebnisse

In Bezug auf die analysierten Denk- und Rechtfertigungsnarrative zeigt sich bei der Analyse der genannten Multistakeholderinitiative, dass komplexe globale Zusammenhänge, welche zur Verletzung von Arbeitsrechten im Produktionsprozess der Bekleidungsindustrie maßgeblich beitragen, ausgegrenzt werden. Regieren wird somit möglich, da nur ein kleiner Bereich des komplexen Gesamtgefüges zum Regierungsraum wird. Dieser Bereich ist das Produktionsland und die Produktionsstätte. Hier werden Ursachen und Lösungen der Problematik gesehen. Eine Verbindung der Gründe und Lösungsmöglichkeiten zu anderen Akteuren, wie international agierende Markenfirmen oder Händlern, sind in der Denkstruktur nicht vorhanden.

Diese „Lokalisierung“ von Ursachen und Gründen wirkt sich auf die Darstellung der Akteure der Wertschöpfungskette aus: Der lokale Lieferant ist das vornehmliche Regierungsobjekt, sein Handeln bedarf der Veränderung und Kontrolle. Die Standardisierung der Arbeitsbedingungen durch Verhaltenskodizes und deren Kontrolle durch Audits sind die praktischen Techniken des Regierens, in denen sich die Autoritätsbeziehung zwischen Lieferanten und Markenfirmen sowie der Multistakeholderinitiative operationalisiert.

Durch das Wechselspiel von Argumentationsstrukturen, Identitätskonstruktionen und Techniken des Regierens werden hierarchische Beziehung etabliert und bereits bestehende Machtstrukturen zwischen den einzelnen Akteuren der globalen Produktionskette verfestigt.

Ausblick

Multistakeholderinitiativen werden derzeit in der sozialwissenschaftlichen Forschung als auch in der Praxis als hoffnungsvolle Lösung für die Beseitigung ausbeuterischer Produktionsverhältnisse in der Bekleidungsindustrie gesehen. Ihre Wirksamkeit und ihre Möglichkeiten zur Lösung konkreter Probleme sind jedoch umstritten.

Die Ergebnisse des Projekts zeigen, dass es von Bedeutung ist, transnationale Governance-Formen nicht nur auf ihre praktische Funktionalität und Effektivität hin zu untersuchen, sondern auch die Struktur und die Auswirkungen von Inhalten, in Form von Denk- und Handlungsstrukturen kritisch in den Blick zu nehmen. Mit der Formung von Denkstrukturen beeinflusst die untersuchte Initiative die Wahrnehmung über die Problematiken in der Textilproduktion in entscheidender und manipulativer Weise. Durch daran anknüpfende Handlungsformen wird eine Realität geschaffen, in der Verantwortung und Handlungsbedarf einseitig im lokalen Raum verortet ist.

Weiterführende Forschung könnte untersuchen, inwiefern ähnliche Diskursstrukturen auch in anderen Initiativen der Bekleidungsindustrie vorhanden sind. Von Bedeutung wäre zudem, die Auswirkungen dieser Denk- und Rechtfertigungsnarrative auf einen größeren gesamtgesellschaftlichen Diskurs zu untersuchen. Abschließend ist zu betonen, dass hinsichtlich der Frage wie Produktionsprozesse als regierbare Räume gesellschaftlich konstituiert werden, der Ebene der Etablierung von Diskursstrukturen und damit in Verbindung stehender Legitimierung von Handeln zwar eine wesentliche Bedeutung zukommt, die Analyse anderer Formen von Macht (ressourcenbasiert, institutionell) jedoch als ebenso bedeutend integriert werden muss. Bei der weiteren Erforschung der Konstitution neuer transnationaler Räume des Regierens von globalisierten Produktionsprozessen ist daher eine Integration diskurs-orientierter und materialistisch-orientierter theoretischer Perspektiven von Bedeutung.

Ansprechpartner

Patricia Reineck
Hamburger Stiftung für Wirtschaftsethik

patricia.reineck@stiftung-wirtschaftsethik.de
+49 40 8787 905 70